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Eine frühere Version des Tutorials wurde im Rahmen der E-Learning-Initiative 100online von der Univ. Stuttgart gefördert.
Die Seiten des Tutorials sind nach den folgenden W3C-Standards validiert:
Die Dysarthrietypen —
Klassifikation in Analogie zur gestörten Gliedmaßenmotorik
Schlaffe Dysarthrie
Die Schädigung folgender Einheiten führt zu einer schlaffen
Dysarthrie:
- Zellkörper der motorischen Neurone
- in den
Hirnnervenkernen
(N. Vagus (X), N. trigeminus (V), N.Facialis (VII),
N. Glossopharyngeus (IX) und N. Hypoglossus (XII))
- bzw. in den Vorderhörnern der Rückenmarksegmente (unteres
Motoneuron).
Bei Schädigungen des unteren Motoneurons sind alle Bewegungen
beeinträchtigt, also Reflexe,
unwillkürliche und willkürliche Bewegungen.
- Axonen dieser motorischen Neuronen
- myoneurale Verbindung
- Sprechmuskulatur
Häufigste Ätiologie solcher Schädigungen:
vaskulär, traumatisch, Amyotrophe Lateral Sklerose (ALS).
Hauptmerkmale
- Muskelschwäche (weakness), d.h.
ein best. Kontraktionslevel wird nicht erreicht; bei anhaltender Kontraktion
kann die `Stärke' der Kontraktion noch zusätzlich abnehmen
(progressive weakness), insbes. bei einer Schädigung der
myoneuralen Verbindung
- ›Hypotonie ('Schlaffheit'), d.h.
verringerter Muskeltonus und reduzierter Widerstand bei passiver Bewegung
daneben auch
- faszikuläre Zuckungen der betroffenen (schlaffen) Muskulatur;
häufig wenn die Zunge betroffen ist
- bei anhaltender Lähmung: Atrophie der betroffenen Muskulatur
Bei Schädigung einzelner
Hirnnerven oder Hirnnervenkerne kommt es
zu selektiven Beeinträchtigungen
bestimmter Muskeln oder Muskelstrukturen (im Versorgungsgebiet des
betroffenen Hirnnervs), nicht
dagegen zu Beeinträchtigungen ganzer Bewegungsmuster.
- V, Trigeminus
Betrifft die Kiefermuskulatur; bei schwerer bilateraler Schädigung
kann der Mund nicht mehr ohne manuelle Hilfe geschlossen werden;
unilaterale Schädigungen sind meist nur in Testsituationen zu erkennen.
- VII, Facialis
Betroffen ist die gesamte Gesichtsmotorik/Mimik; für das Sprechen
relevant:
Beeinträchtigung der Lippenmotorik; eine unilaterale Schädigung
des Facialis beeinträchtigt das aber Sprechen kaum.
- X, Vagus
Einschränkung der Bewegungsfähigkeit von Velum, Pharynx und
Larynx; Probleme bei der Steuerung der Nasalität, bei der Phonation,
außerdem beim
Schlucken; Würgereflex geschwächt bzw. nicht vorhanden.
- XII, Hypoglossus
Beeinträchtigung der gesamten Zungenmuskulatur; eine unilaterale
Schädigung
kann von den Patienten meist relativ schnell kompensiert werden.
Linguistische Symptomatik
- Respiration
-
Reduzierte Luftkapazität, eingeschränkte Kontrolle der Ausatmung,
dadurch eingeschränkte Lautstärke, kurze Phrasen.
- Phonation
-
Bei unilateraler Lähmung der Stimmlippen (selten): rauhe
(bei Paralyse in adduzierter Position) bzw. behauchte
(bei Paralyse in abduzierter Position) Stimme, reduzierte Lautheit,
Diplophonie
Bilaterale Schädigung des Vagus: Unvollständiges Schließen
und Öffnen der Glottis; während
der Phonation entweicht sehr viel mehr Luft als bei Gesunden;
Unregelmäßige Stimmlippenschwingungen; behauchte Stimme;
erhöhte Grundfrequenz mit starker Variabilität; hörbares
Einatmen.
- Resonanz
-
Hypernasalität; Konsonanten (inbes. stimmhafte Plosive) werden
durch entsprechende Nasale ersetzt; Luft entweicht durch die Nase,
dadurch reduzierter intraoraler Luftdruck, dadurch reduzierte
`Schärfe' von oralen Konsonanten; der Grad der Hypernasalität
schwankt zwischen relativ mild bei der Produktion von einzelnen Lauten/
Silben/Wörtern bis schwer bei der
Äußerung langer Sätze bzw. in der Spontansprache.
- Artikulation
-
Schwächung der artikulatorischen Geste: Unvollständige
Verschlüsse, ungenügende Verengung bei der Bildung von Frikativen;
Lippen können nicht bzw. nicht vollständig gerundet und
vorgestülpt werden; in schweren Fällen kann der Unterkiefer
nicht mehr angehoben werden,
dadurch können selbst Vokale nicht mehr korrekt gebildet werden; bei
bilateraler Schädigung
des Hypoglossus sind neben sämtlichen Konsonanten, die mit der Zunge
gebildet werden,
auch hohe Vokale betroffen, die häufig durch mittlere bzw. tiefe
Vokale ersetzt werden; die
Zunge kann nicht mehr nach vorne, zur Seite oder nach oben bewegt werden,
insbesondere ist der Zungenrücken betroffen.
Symptome nach Häufigkeit und Schwere
- Hypernasalität
- unpräzise Konsonantenbildung
- kurze ›Phrasen
- hörbares Einatmen
- behauchte/rauhe Stimme
- nasale Reibegeräusche
- entstellte Vokale
- ›langsames Sprechen
- monotone Lautstärke und Tonhöhe
- leise
- tiefe Stimme
- Tonhöhenschwankungen
Patientenbeispiele
Die folgenden Audioaufnahmen sind nur für registrierte Benutzer zugänglich.
Patient A
Patient B mit Pseudobulbärparalyse
Bei den vorgelesenen Sätzen handelt es sich um Items aus einer Liste, die an der neurologischen
Universitätsklinik Tübingen zur Untersuchung von
Lippenbewegungen verwendet wird. Patientenäußerungen werden
sowohl kinematisch (mit Hilfe des opto-elektronischen ELITE-Verfahrens) als auch
akustisch (Koartikulation etc.) analysiert.
Ich habe gepape gelesen.
Ich habe gepupe gelesen.
Ich habe gepipe gelesen.
Ich habe gepappe gelesen.
Ich habe gepuppe gelesen.
Ich habe gepippe gelesen.
Bei der vorliegenden Aufnahme ist besonders interessant, wie die
Unterscheidung zwischen gespannten und ungespannten Vokalen realisiert
wird.
Spastische Dysarthrie
Tritt auf nach Läsionen der korikopontinen und kortikobulbären Bahnen (beidseitig).
Linguistische Symptomatik
- rauhe, zu tiefe Stimme
- sehr ›langsame Sprechgeschwindigkeit
- reduzierte Betonung
- kurze ›Phrasen
- behauchte/gepreßte Stimme
- Tonhöhenschwankungen
- gedehnte Laute
- zu leise/leiser werdend
- Lautstärkeschwankungen
- Stimmabbrüche
- Stimmzittern
- artikulatorische Zusammenbrüche
Patientenbeispiele
Die folgenden Audioaufnahmen sind nur für registrierte Benutzer zugänglich.
Patient C
Ataktische Dysarthrie
Tritt auf bei Läsionen der Kleinhirnhemisphären,
Multiple Sklerose, Intoxikationen,
Kleinhirntumoren.
Linguistische Symptomatik
- monotone Betonung
- unpräzise Konsonantenbildung
- rauhe Stimme
- entstellte Vokale
- gedehnte Laute
- artikulatorische Zusammenbrüche
- verlängerte Pausen
- Lautstärkeschwankungen
- Stimmzittern
- gepreßte, zu tiefe Stimme
- Tempowechsel
Patientenbeispiele
Die folgenden Audioaufnahmen sind nur für registrierte Benutzer zugänglich.
Patientin D, 30 Jahre:
Patient E, 64 Jahre, Vater von Patientin A:
Dyskinetisch rigide/hypokinetische Dysarthrie
Tritt auf bei Erkrankungen der Stammganglien
(Basalganglien), z.B.
Morbus Parkinson.
Linguistische Symptomatik
- unpräzise Konsonantenbildung
- monotone Lautstärke und Tonhöhe
- rauhe, zu tiefe Stimme
- stoßartige ›Phrasen
- inadäquate Pausen
- Tempowechsel
- Temposteigerung
- kurze ›Phrasen
- Hypernasalität
Patientenbeispiele
siehe Morbus Parkinson
Dyskinetisch hyperkinetische Dysarthrie
Tritt auf bei Erkrankung der Stammganglien
(Basalganglien), z.B.
›Chorea Huntington.
Linguistische Symptomatik
- unpräzise Konsonantenbildung
- zu leise/leiser werdend
- rauhe, zu tiefe Stimme
- stoßartige ›Phrasen
- inadäquate Pausen
- Tempowechsel
- artikulatorische Zusammenbrüche
- hörbares Einatmen
- Stimmzittern
- Stimmabbrüche
- Temposteigerung
- kurze ›Phrasen
- Hypernasalität
Patientenbeispiele
Die folgenden Audioaufnahmen sind nur für registrierte Benutzer zugänglich.
Patient F mit Chorea Huntington: